Lieber Lokführer,…
am Wochenende hatte ich die Ermittlungsakte der Staatsanwaltschaft Osnabrück in der Post. Natürlich die Kopie davon, aber dafür, dass die so einen Wirbel darum gemacht haben, dass wir ja dieses und jenes nicht sehen sollten, haben sie sich wenig Mühe gemacht. Und mein Anwalt hat das Ding ungeschönt an mich weitergegeben, so, wie ich ihn darum gebeten habe.
Ich gebe zu: Das war harter, sehr, sehr harter Tobak, und ich gebe zu, dass ich das wirklich werde verdauen müssen. Aber ich habe es wissen wollen, weil ich auch wissen wollte, wie Sie jetzt damit umgehen müssen. Und wie Sie leiden. Und ob Sie leiden. Ich weiss jetzt, dass Sie in unserem Alter sind, nein, Sie sind sogar etwas jünger als die meisten von uns. Gerade 30 Jahre alt geworden.
In der Akte war nichts entfernt, nichts geschwärzt, ausser Ihrem Namen und Ihrer Adresse, was ich verstehe. Ja, okay, Ihre Dienststelle und solche Daten, die konnte ich auch nicht sehen. Aber ich konnte Ihre Aussage lesen. Und ich habe gelesen, dass Sie einen Nervenzusammenbruch erlitten haben und mit dem Rettungswagen in eine Klinik zur Versorgung gebracht werden mussten. Dass Sie jetzt wohl einen längeren stationären Aufenthalt vor sich haben. Dass es Sie richtig erwischt hat. Ich kann das verstehen. Ich habe die Bilder vom Unfallort gesehen, von der hell erleuchteten Unfallstelle, denn unser Freund hat sich nachts das Leben genommen, in den frühen Morgenstunden des 7. Januar.
Ich habe das viele Blut an Ihrer Lok gesehen. Ich habe den Toten gesehen. Das, was ich auf den Fotos angesehen habe, war “der Tote”. Nicht mehr unser Freund K. Es war das, was von ihm übrig war. Ein Kommentator in diesem Weblog schrieb, Güterzüge fahren nicht so schnell, aber es hat gereicht, um K. vollkommen zu entstellen. Ein grausiger Anblick, und laut Ihrer Aussage fühlen Sie sich dafür verantwortlich. Sie sind es nicht. Ich wünschte, ich könnte es Ihnen ins Gesicht sagen. Sie sind nicht verantwortlich für das, was passiert ist. K. ist selbst verantwortlich, er hat den Freitod gewählt, er hat Sie zu seinem Erfüllungsgehilfen gemacht. Und das nehmen wir alle ihm sehr übel.
Zu gerne würde ich Ihnen sagen, dass alles wieder gut wird. Aber das kann ich nicht. Wir können das, was geschehen ist, nicht wieder rückgängig machen, auch wenn wir das gerne würden. Wir alle wünschen Ihnen, dass Sie Rat und Hilfe in Ihrer Verzweiflung finden, und neuen Lebensmut. Wir würden alle hier gerne einen Beitrag dazu leisten, auch wenn wir nicht wissen, wie dieser aussehen könnte. Diese Untätigkeit macht uns wahnsinnig. In der vergangenen Woche haben wir für unseren Freund eine Trauerfeier ausgerichtet, und am kommenden Samstag werden wir seine Urne beisetzen. Dann sind alle Dinge getan und zurückbleibt die eigene Seelenarbeit. Lange genug haben wir uns darum herum gedrückt.
Möge Ihnen die Kraft gegeben sein, sich durch diese Arbeit hindurch zu kämpfen. Und sie mit Erfolg zu überwinden. Wir wünschen es Ihnen, von Herzen, dessen können Sie sich sicher sein. Ich werde diesen Text an die Staatsanwaltschaft schicken und darauf hoffen, dass diese ihn an Sie weitersendet. Wenn nicht, dann war es den Versuch wenigstens wert. Unsere Gedanken sind auch bei Ihnen, darauf können Sie sich verlassen.
