Stand der Dinge – Schie.Nen.Sui.Zid, wie es weiterging

Hinter uns allen liegt eine seltsame, eine nervenaufreibende, eine seltsame Woche, merkwürdige zehn Tage, in denen wir uns so manches Mal gefragt haben, was wir da eigentlich machen, ob wir im richtigen, oder vielleicht doch im falschen Film stecken, und wir alle wieder viel über das Leben gelernt, und wie man mit ihm umgeht. Dass mir persönlich das jetzt so wirklich geschmeckt hätte, kann ich nicht behaupten, das ist nicht Teil des Problems gewesen, dem wir uns zu stellen hatten.

Wie ich in meinem letzten, noch sehr hilflosen Posting beschrieb, haben wir mittels eines Anwalts Kontakt zur zuständigen Staatsanwaltschaft aufgenommen, um darüber Einsicht in die Ermittlungsakte zu bekommen. Nachdem ich mit diesem (meinem) Anwalt länger gesprochen habe, waren wir uns eigentlich einig, dass es nicht sehr lange dauern dürfte, diese Akte zu bekommen, da es sich ja unseres Wissensstandes nach um einen Suizid handele, und dieser müsste ja recht schnell durchermittelt sein. Das Wort “eigentlich” ist eines, welches ich im Verlauf der letzten Tage noch sehr häufig gebraucht habe.

Natürlich handelte es sich um einen klaren Selbstmord unseres Freundes, aber natürlich haben wir die Akte bis heute nicht in Gänze vorliegen. Wir wissen also nicht nicht, wo genau K. den Tod gewählt hat. Mittlerweile spricht keiner von uns mehr davon, dass er den Tod gefunden hat, denn das hat er nicht, er hat ihn gewählt. Und unser aller Gefühlslage darüber spielt auf einer breiten Klaviatur, die von Wut bis Verzweiflung reicht, und in mannigfaltiger Schattierung zum Teil stündlich wechselt, bei jedem von uns.

Im Grunde genommen ist es irrelevant, alle Details zu wissen, doch wenn ich von mir selbst ausgehe, dann würde es mir helfen. Eine Realisation in Verbindung mit einer stringenten Klarsicht und Visualisierung würde die furchtbaren Alpträume aus meinem Kopf verbannen, aus unseren Köpfen. Ein definitives Wissen um den Ort seines Todes wäre schlimm, würde aber schneller an Schrecken verlieren, als man gemeinhin annimmt. Ich weiss das aus der allerjüngsten Erfahrung. Wann immer wir alle miteinander sprechen, besprechen wir auch die grauenhaften Bilder, die sich in unseren Köpfen formieren, wenn wir daran denken, wie ein Mensch, in diesem Fall einer unserer besten Freunde, vor einer Lok in Blut, Muskelmasse und Knochen zerspringt. Atomisiert. Oder auch eben nicht. All das wissen wir eben nicht. Und eines ist klar: Die Ungewißheit sorgt für Bilder, die immer schlimmer sind, als die Realität. Auch wenn diese grausam ist und mit menschlichen Worten kaum beschreibbar.

In meinen nächtlichen Halbschlaf mischten sich in den letzten Tagen immer wieder Bilder von Feuerwehrmännern, die mit Reinigungsschaum die Lok reinigten von Blut und Gewebemassen, von Rettungskräften auf den Schienen, die statt Infusionsbeuteln und Isolationsfolie nur noch mit Abfallsäcken und Eimern daherkamen, und wenn ich davon erwachte, war mir regelmässig so schlecht, dass an ein Weiterschlafen nicht mehr zu denken war. Mir wäre ein Foto vom Unfallort tausendfach lieber gewesen als eine nicht abzuschaltende, marodierende Seele, die keine Ruhe mehr gibt.

Uns allen ging es so. Selbst unserem zur Zeit in Afghanistan stationierten Freund, der sicherlich auch andere Bilder parat hat und seinem Kurzzeitgedächtnis bei Bedarf anderes abrufen kann als einen Schienentoten.

Doch es gab für uns keine Fotos und keine Akte. Was es jedoch gab, war nach langem Ringen und Bitten und Betteln und Zusagen, dass wir die Kosten für alles übernehmen, was an Kosten entstehen würde, endlich das Zugeständnis der Staatsanwaltschaft, dass wir oder in dem Falle ich, eine Auskunft bekomme. Dafür musste ich aber unterschreiben, dass wir unseren Freund beisetzen würden, dass wir dafür keinerlei öffentliche Anträge für Sozialbegräbnisse etc. stellen würden und so weiter und so fort. Aber das hatten wir zu keinem Zeitpunkt geplant. So verbrachten wir alle Stunde um Stunde an Telefonen und vor Faxgeräten, denn das ist ja Mode bei Behörden, dass eMails nicht anerkannt werden und dass man alles immer mit Durchschlag, in dreifacher Kopie und so weiter zur Verfügung stellen musste. Immer schön alles an den Anwalt weiterschicken, der dann als Person von Rang und Würde vorstellig wurde und dann doch noch wieder eine Originalunterschrift von mir benötigte – es nahm und nahm kein Ende.

Am Freitag erfuhr ich dann am Telefon, dass “die Leiche jetzt mir gehört”. Ein schöner Satz, den man nur zu gerne hört, wenn man mit einem Rechtspfleger telefoniert, der seinen Job nach Vorschrift macht, der Stimmlage nach zu urteilen nur wenige Jahre vor der Pensionierung. Und während er das sagt, stempelt er irgend ein Formular. Ich kann es am anderen Ende hören. “Schönen Dank auch”, sage ich nur und lege auf. Die Leiche – K. – gehört nun also mir. Uns. Oder was von ihm übrig ist.

Schon am Anfang der Woche haben wir “den Bestatter meines Vertrauens” in Kenntnis gesetzt über die Umstände. Obwohl wir noch keinen Leichnam hatten, den wir ihm zur vertrauensvollen Behandlung übergeben konnten, konnten wir immerhin schon besprechen, was wir uns dachten und was in K.’s Sinne gewesen sein könnte. Aber auch das konnten wir nur ahnen. Nach endlosen Telefonaten, die wir miteinander im laufenden Tagesgeschäften zwischen Zugfahrten, Flügen, Besprechungen, im Messenger oder wie auch immer führten, haben wir irgendwie eine Linie hinbekommen. Und am Samstag, also gestern, mit dem Bestatter, auch alles ausarbeiten können.

K. war kein sonderlich kirchlicher, wenn auch gläubiger Mensch. Darum haben wir darauf verzichtet, einen Pastor für die Gestaltung der Trauerfeier dazu zu bitten, und auch einen Trauerredner wollten wir nicht dabei haben. Wir sind der Meinung, dass kein externer Redner das in Worte fassen kann, was wir hören wollen. Und irgendwie ist so eine Trauerrede immer wie ein eiskalter Abgesang auf das Leben und auf den Tod und das Vergangene. Und nee, das passt so gar nicht zu K. Wir machen alles selbst. Und alles spontan. Mit Musik und Worten, die sich jeder von uns heute abend noch ganz spontan überlegt. Alles, was uns in den Sinn kommt, wollen wir K. mit auf den Weg geben.

K.’s Urne wird in einigen Tagen hier in Bremerhaven beigesetzt werden. Morgen ist seine Trauerfeier. Wir sind einen kleinen Schritt weiter. Wir dürfen ihn beerdigen.

Aber wir wissen noch nicht, warum er das getan hat. Wir wissen nicht, wo er das getan hat. Es hat eine Reihe von Fehlinformationen gegeben. Es war kein Regionalzug, wie wir einige Tage lang glaubten, sondern ein Güterzug. Vielleicht ist es für Aussenstehende nicht nachzuvollziehen, warum wir so sehr auf diese ganzen Details warten. Es hilft so sehr, zu wissen, wann alles geschah und wie es geschah, weil das Wissen um Zeitpunkt und Ort beim Verarbeiten hilft.

Facing the facts. Anschauen, ansehen, realisieren, be-greifen. Immer wieder. Der Weg ist dort, wo der Schmerz ist.

Wir alle denken sehr, sehr oft an den Lokführer. Wir würden ihm gerne etwas sagen. Dass ihn keine Schuld trifft, dass er nur der verlängerte Arm des Willens eines verzweifelten Menschens war, den nicht einmal seine engsten Freunde davon abhalten konnten, sich nichts anzutun, obwohl wir uns darum bemüht haben. Ganz oft kommen bei uns Versagensgefühle hoch. Und insbesondere bei mir regt sich jedes Mal, wenn ich meinen Fuss wieder in einen Zug setze, ein Unwohlsein besonderer Art. Wir wissen, dass man einen entschlossenen Selbstmörder nicht davon abhalten kann, sich etwas anzutun. Wir wissen auch, dass der Schienensuizid eine der sichersten Methoden ist, sich das Leben zu nehmen. Entgegen landläufiger Meinung ist das nämlich mit Schlaftabletten und allem anderen Quatsch gar nicht so einfach.

Es ist wie es ist: Wir stehen hier und wissen nicht weiter. Wir haben versucht, K. auch über den Tod ein guter Freund zu sein und morgen ist seine Trauerfeier, die wir sich auch irgendwie überstehen werden. Aber das war alles so technisch. Für das Gefühlsleben haben wir bisher alle nichts tun können, ausser zusammen am Telefon weinen, oder, wie jetzt am Wochenende, gemeinsam. Arm in Arm. So, wie ich das jetzt überblicke, bleibt uns nur die gegenseitige Hilfe.

Freedom is just another word for nothin’ left to lose.

An dieser Stelle möchte ich für die wertvolle Hilfe ein wirklich grosses Dankeschön an Friedhelm Weidelich vom RAILoMOTIVE-Blog aussprechen für seine einfühlsamen Worte, die guten Gespräche und seinen Rat – auch am Wochenende.

Für K.

~ von A_of_D am 17. Januar 2010.

2 Antworten to “Stand der Dinge – Schie.Nen.Sui.Zid, wie es weiterging”

  1. Liebe Autorin,

    Railomotive hat mich auf Ihre Gedanken gestoßen – und ich bin tief beeindruckt davon. Von dem in Worte gefassten Leid und den Selbstzweifeln … und ganz besonders von den Gedanken an den Lokführer und die anderen beteiligten Helfer.

    So Leuten wie mich. Nicht, dass ich im Zusammenhang mit K.’s Tod tätig geworden wäre. Aber ich bin seit fast 30 Jahren (Freiwilliger) Feuerwehrmann. Und leider gehörten zu den zahlreichen Todesfällen, die mir in den Jahren meiner Helfertätigkeit begegnet sind, auch Selbsttötungen im Gleis.

    Wie es sich mit K. zugetragen hat, kann ich Ihnen natürlich nicht sagen. Aber da er – wie Sie schreiben – vor einen Güterzug getreten ist, muss es nicht einmal übermäßig grässlich für Ihn ausgegangen sein. Wenn man diese Wertung angesichts eines Suizids überhaupt wagen kann.

    Güterzüge fahren nicht über die Maßen schnell. Da muss, so technokratisch das jetzt klingen mag, nicht viel kaputtgehen am Körper, um einen Menschen zu töten. Anders gesagt, für die Helfer ist es dann nicht allzu schwer erträglich, die Eindrücke zu verarbeiten, die sich ihnen bei so einem Einsatz bieten.

    Leider hatte ich auch schon andere Erlebnisse. Meine Seele hat sie – zum Glück – schadlos verarbeitet und mein Leid war bisher stets das Mitleid mit den Hinterbliebenen (die keineswegs nur Familienangehörige sein müssen, wie Ihr Beispiel zeigt).

    Aber sie haben schon Recht: Es bleibt stets ein Gefühl der Wut auf den Menschen, der sich den Tod wünschte – und dem Lokführer und uns Helfern Last und Leid des Verarbeitens der Tat und der Bilder aufgeladen hat. Rücksichtslos, sich selbst gegenüber – aber eben nicht minder rücksichtslos gegenüber den anderen.

    Und dennoch: Wann immer der Piepser zur Hilfe ruft, brechen wir auf, lassen alles stehen und liegen und hoffen, doch noch helfen zu können.

    Einmal ist das sogar gelungen. Eine ältere Frau hatte sich verlaufen, war auf die Gleise getreten, gefallen und vom Zug überrollt worden: Die Einsatzmeldung verhieß das übliche Drama, doch tatsächlich lag die alte Dame lebend unter dem Zug. Eine Hand fehlte – beim Überrollen abgetrennt – doch ansonsten war sie fast unverletzt und wir konnten sie retten. Sie hat überlebt, noch einige Jahre, und ist erst vor kurzem gestorben. Eines natürlichen Todes.

    Den hätte ich, von Herzen und unbekannterweise, auch K. gewünscht.

    Ihnen und allen anderen Freunden wünsche ich Kraft und Stärke – und auch den Mut, sich irgendwann einzugestehen, dass Hilfe bei allem guten Willen vielleicht nicht möglich war.

    Gruß
    T.K.

  2. [...] Schie.Nen.Sui.Zid – Wie es weiterging Lieber Lokführer,… [...]

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