Schie.Nen.Sui.Zid

Vom Tod und den Leuten, die zurückbleiben

Alles, was ich jetzt gerade versuchen kann, ist, die Ereignisse chronologisch aufzuschreiben. Gestern, am 7. Januar 2010, stehe ich am frühen Nachmittag auf dem zugigen Bahnsteig in Halle an der Saale und warte auf meinen Zug zurück Richtung Hannover, nachdem ich einen Termin in Halle wahrgenommen und erledigt habe. Routinemässig habe ich mein Handy während des Meetings abgeschaltet und schalte es auf dem Bahnsteig wieder ein, um die eingegangenen Nachrichten abzuhören und habe neben den üblichen Anrufen die Bitte um einen Rückruf von einer Kripodienststelle auf dem Band. Ein Anlass wird mir nicht genannt, nur die Rufnummer dreimal wiederholt. Ich notiere sie mir notdürftig auf dem Handrücken und rufe zurück. Auf dem Bahnsteig ist es kalt und zum Glück ist mein Zug verspätet, so dass ich für den Anruf Zeit genug habe.

Der Dialog, den ich dort mit dem zuständigen Beamten führe, ist sehr merkwürdig und im Nachhinein absolut nervenzerfetzend, dies ist ein Gedächtnisprotokoll:

Ich: Guten Tag, mein Name ist XY, ich hatte Ihren Namen und Ihre Rufnummer auf meiner Mailbox, Sie baten mich um Rückruf.
$Kripobeamter: Das ist richtig, sind Sie Frau XY?
(Das sagte ich eben doch.)
Ich: Ja, das bin ich. Worum geht es denn?
$Kripobeamter: Kennen Sie einen Herrn ZZ?
Ich: Ja, den kenne ich, was ist denn mit ihm?
$Kripobeamter: Das kann ich Ihnen so noch nicht sagen, können Sie sich ausweisen?
(Wie denn das? Am Telefon??)
Ich: Wie denn?
$Kripobeamter: Können Sie mir das Geburtsdatum des Herrn ZZ nennen?
(Ach Du Schande, rasendes Überlegen.)
Ich: Ja, äh, 14.02.$Jahr
$Kripobeamter: Ja, das ist korrekt.
(Hab ich jetzt was gewonnen?)
Ich: Und was ist denn jetzt?
$Kripobeamter: Können Sie mir bitte auch den Geburtsort nennen?
(Himmel, ja, eigentlich schon, moment, grübel…)
Ich: Ähh, das müsste $Stadt sein.
$Kripobeamter: Ja, stimmt auch.
Ich (ungeduldig): Bitte, WAS ist denn jetzt mit ihm?
$Kripobeamter: In welchem Verhältnis stehen Sie zu Herrn ZZ?
Ich: Wir sind seit über 30 Jahren befreundet.
$Kripobeamter: Seit über 30 Jahren? Aber da waren Sie ja noch Kinder.
Ich: Ja, wir haben uns im Kindergarten kennengelernt, bitte, sagen Sie mir jetzt, was los ist?
$Kripobeamter: Ach so. Ja, sind Sie gerade alleine? Bzw. können Sie sich setzen irgendwo? Ich habe leider keine gute Nachricht für Sie.
Ich: …
$Kripobeamter: Herr ZZ ist heute morgen Opfer eines Suizidversuches geworden.
Ich: Wie bitte? Das heisst auf Deutsch, dass er tot ist?
$Kripobeamter: Ja, Herr ZZ ist verstorben.
Ich (mit aufkeimender Panik in der Stimme): Wann und wo ist das passiert?
$Kripobeamter: Herr ZZ hat sich vor einen Regionalzug geworfen und diesen Suizidversuch leider nicht überlebt.
Ich: Wo ist Herr ZZ denn jetzt und wo kann ich mehr erfahren, wo das passiert ist und wer kann mir Auskünfte geben, sind Sie mein Ansprechpartner?
$Kripobeamter: Wir sind überhaupt nicht Ihr Ansprechpartner, Sie sind meine Ansprechpartnerin, denn wir haben keine Namen von Angehörigen finden können bei Herrn ZZ, und Ihre Nummer haben wir aus seinem Handy, das war die einzige Nummer, die wir aus der SIM-Karte seines Handys noch sichtbar machen konnten.
Ich: Herr ZZ hat keine Angehörigen mehr. Es gibt keine Eltern. Keine Geschwister, können Sie mir jetzt bitte sagen, wo Herr ZZ ist und an wen ich mich wenden kann wegen der Bestattung und der Formalitäten?
$Kripobeamter: Nein, das kann ich nicht, dafür ist die Staatsanwaltschaft zuständig, ich wollte von Ihnen nur wissen, wo wir die Angehörigen finden, und wenn Sie sagen, es gibt keine, dann gebe ich das jetzt an die Staatsanwaltschaft weiter und die regeln dann alles Nötige.
Ich: Wer ist denn die zuständige Staatsanwaltschaft??
$Kripobeamter: Osnabrück. Auf Wiederhören. *klick*

Da stand ich. In Halle an der Saale und begriff nicht, was ich da eben gehört habe.

Ein paar Worte zu diesem einen Freund, um den es geht.

K. und ich kennen uns schon sehr, sehr lange. Wir haben uns zwischen diesen vielen Jahrzehnten aus den Augen verloren, für ein paar Jahre, aber wiedergefunden und in den letzten Jahren unser Leben wieder neu bereichert. Wir uns beide, unseren Freundeskreis, wir waren alle zusammen ein ganz gutes Team. Manchmal unschlagbar, oft kontrovers, immer vorwärtsdenkend, oft lustig, immer humorvoll, und immer ein Team. Dachten wir. Seit gestern mittag ist das anders. Dass es K. schlecht ging seit kurz vor Weihnachten, war kein Geheimnis, seit sich seine Freundin von ihm getrennt hatte. Wie immer in Krisen, sind wir alle wieder zusammengerückt, unsichtbar und unmerklich, irgendwie. Wir haben unmerklich unser Notfallprogramm angefahren und versucht, K. zu stützen. Angerufen, leise gefragt, manchmal ohne Worte. Sind vorbeigegangen, haben versucht, da zu sein. Oft wollte er es nicht, doch genauso oft kam ein Lächeln zurück zwischen dem tränengetrübten Blick. Gerne liess er sich ablenken, sich auf den Weihnachtsmarkt schleppen, wo wir uns einen auf die Nase gegossen haben, bis sie blau war. Haben ihn mitgenommen, hierhin und dorthin, manchmal ist er mit mir gefahren, hat sich einen Tag freigenommen, mich begleitet, oder jemand anderen, wenn er das wollte.

Auf meinen Reisen vor Weihnachten habe ich immer Wert darauf gelegt, dass ich abends wieder nach Hause kam, auch seinetwegen, damit ich da sein konnte, wenn irgendwas war. So wie er für mich da war, als ich vor einem Jahr meinen Mann verloren habe. Eine Hand wäscht die andere und dafür hat man Freunde. Das sind keine Heldentaten, so will ich das nicht verstanden haben. Aber ich verstehe das unter Freundschaft. So wie er das auch immer getan hat.

Es fing an zu schneien, als der Zug einfuhr und mir wurde eiskalt klar, dass es ein Zug war, vor dem K. seinen Tod gefunden hat, und das auch noch freiwillig. Die Lok, die auf dem Bahnsteig einfuhr, sah so gross, so monströs aus, und ich habe mich gefragt, was in diesen letzten Sekunden durch seinen Kopf gegangen sein muss. Und als nächstes dachte ich an den armen Lokführer. Der es nicht verhindern konnte und der jetzt darunter leiden wird. Das nächste, was ich spürte, als der Zug mit quietschenden Bremsen anhielt, war Wut. Wut auf K. Wut, weil er uns zurückliess und lauter unbeteiligte Menschen mitriss. Reisende, die Verspätungen einfuhren, und einen Lokführer, der vielleicht seines Lebens nicht mehr froh wird. Als ich in den Wagen kletterte, gaben mir die Beine nach, ich habe nicht begriffen, was ich gerade erfahren habe, was mir der Herr $Kripobeamter da so vor den Latz knallte.

Wie betäubt lief ich durch den Wagen, froh, einen Bereich zu finden, in dem um die Uhrzeit nicht viel los war, und ich liess mich auf den Sitz fallen. Was ist jetzt zu tun, fragte ich mich? Dann ging ich mein Telefonbuch durch und rief Freunde an. Wen ich erreichte, dem versuchte ich die Nachricht so schonend wie möglich beizubringen. Wen ich nicht erreichte, dem hinterliess ich keine Nachricht. Sowas kann man nicht auf die Anrufbeantworter sprechen. Schickte hilflose Tweets, weil ich das ja kaum den Mitreisenden im IC erzählen konnte. Bei der zuständigen Staatsanwaltschaft keine Auskunft ohne Anwalt. Ich sei keine Angehörige, habe keine Befugnisse. Irgendwann gab der Akku meines Handys den Geist auf.

Draussen war viel Schnee. Vor meinen Augen liefen Filme ab. Filme aus Erinnerungen. Erinnerungen mit K. Wie wir feierten, oder traurig waren. Gemeinsam. Erinnere mich an seine Umarmung, als mein Mann starb. Sah ihn lachen, als wir irgendwann, im hohen Erwachsenenalter mal Kindergeburtstag spielten, und uns in Klopapier einwickelten. Dann kam der Zugbegleiter und riss mich aus meinen Gedanken, kontrollierte meine Karte und ging weiter. Ich sah mich um und sah mich wieder in diesem InterCity nach Hannover sitzen. Alles war so unwirklich. Ich konnte das noch immer noch glauben. Was tun? Ich war wie von Sinnen. Musste mich übergeben und lief auf die Zugtoilette. Widerlich, die sind immer so widerlich, diese fiesen Zugtoiletten.

Oder vielleicht lag das auch an mir.

Ich kam nach Hannover, stieg um in einen Zug nach Bremen, stieg wieder um, konnte zwischenzeitlich mein Handy laden, telefonierte weiter und unter uns Freunden konnten wir nach und nach irgendwie uns zusammen organisieren. Wir trafen uns noch abends bei mir, wer konnte, kam, und wer nicht konnte, schaltete sich von fern dazu. Und da sassen wir, die einen rauchend, die anderen trinkend. Schweigend. Die, die nicht da sein konnten, sassen vor Webcams, auf verschiedenen Monitoren dazugeschaltet, auf Messengern. Oder am Telefon. Was wäre man ohne die moderne Technik? Wir wussten nicht, was wir tun sollten. Wir fragten uns, ob wir es hätten verhindern können. Schuldgefühlen wurden laut und lauter. Hätten wir es wissen müssen? Können? Sollen? Trifft uns eine Schuld? Hätten wir nicht genau wissen müssen, wie sehr K. unter der Trennung gelitten hat? Hätten wir nicht irgendwas tun können, um das zu verhindern? Haben wir uns, verdammt nochmal, wirklich genug gekümmert?

Wir heulen drei Kleenexboxen durch. Halten uns weinend aneinander fest und wissen noch nicht einmal, wo K. genau gestorben ist. Wo sein toter Körper jetzt ist. Wo seine Katze ist, wer das Tier versorgt. Und all das. Er hat keine Angehörigen und wir wissen nicht, wer sich um seine Beisetzung kümmern soll. Um seine Wohnung und um seine Sachen. Es muss sich doch jemand kümmern. Es ist am Abend zu spät, um irgendwas zu unternehmen und wir versuchen, irgend eine Lösung zu finden. Irgend jemand kommt auf die Idee, bei der Bahn anzurufen. Aber das ist zwecklos, da finden wir ja nicht einmal eine Telefonnumer. Auch ein Anruf bei der Kripo bleibt erfolglos, der Herr $Kripobeamter hat vermutlich längst Feierabend. Wir haben nicht einmal ein Aktenzeichen, ich habe vergessen, danach zu fragen.

Ich erinnere mich, dass er mir sagte, ich könne vielleicht über einen Anwalt eine Auskunft bei der zuständigen Staatsanwaltschaft erfahren. Und dass das wohl Osnabrück sei. Also muss der Unfall im Zuständigkeitsbereich von Osnabrück passiert sein. Aber wieso? K. wohnt in Bremen. Immer schon. Ich spreche meinem Anwalt noch abends spät eine Nachricht auf seinen Anrufbeantworter und bitte um zeitigen Rückruf am frühen Morgen. Wer noch nach Hause fahren möchte, tut das. Die restlichen Leute verfrachten sich auf die Schlafmöglichkeiten, rollen sich zusammen. Ein Freund, der auf der Webcam ist, fragt, ob er die Cam eingeschaltet lassen kann über Nacht. Verrückt, irgendwie. Als ob man dadurch “zusammener” sein würde. Wir lassen die Cam am Rechner eingeschaltet und irgendwie das Licht in der Wohnung an. Es ist mehr ein nächtliches Schweigen. Kein Schlafen. Ich sehe das Foto von meinem Mann an. Rede in Gedanken mit ihm und stelle mir vor, dass K. jetzt neben ihm auf der Wolke sitzt und hoffe, er erzählt meinem Mann von seinen Sorgen. Und hoffe, mein Mann legt ihm den Arm um die Schultern und tröstet ihn. Eine kindliche Vorstellung, aber die einzige, die ich zulassen kann in diesem Moment.

Gegen vier Uhr brechen die ersten auf zur Arbeit. Gehen gezwungenermaßen ihrer Wege. Ich melde mich krank, müsste eigentlich geschäftlich unterwegs sein, aber ich kann keinen Schritt machen. Mein Anwalt ruft um sieben Uhr an und ich schildere ihm das Geschehene. Er sagt, dass es schwer wird, Zugriff auf die Akten zu bekommen, weil ich nicht verwandt bin mit K. Aber es sei von Vorteil, dass die Kripo mich angerufen hat. Er verspricht, sich um alles zu kümmern und mahnt mich und uns zur Ruhe. Es würde sich sicher alles bald klären, so traurig und schmerzhaft alles sei. Wir könnten nichts mehr rückgängig machen.

Jetzt ist es Abend und die Staatsanwaltschaft will nicht so recht raus mit der Sprache, aber sie bräuchten jemanden, der Ansprechpartner ist. Sie hofft, dass sich noch ferne Angehörige finden, aber wir wissen, dass es diese nicht gibt. Wir möchten nicht, dass K. ein Sozialbegräbnis bekommt, sondern wollen, dass es einigermassen okay und schön wird für ihn. Vielleicht auch für uns. Wir haben oft über den Tod gesprochen und er hat so klare Vorstellungen gehabt, immer.

Und jetzt? Jetzt bleiben offene Fragen. Bei der Bahn gibt es keine Auskünfte. Auch keine Hilfestellung für Hinterbliebene oder Angehörige – oder gibt es sie doch? Weiss jemand darüber mehr? Beantwortet die Bahn generell Fragen zu Schienensuiziden?

Ich habe versucht, eine psychologische Betreuung für Suizidhinterbliebene zu finden, leider erfolglos. In Bremerhaven scheint es das nicht zu geben, gibt es sowas überhaupt, für akute Fälle? Hat jemand Erfahrung?

Muss man wirklich warten, bis die Ermittlungsakte vorliegt, um etwas über den Ablauf des Unfalls zu erfahren? Einen Obduktionsbericht wird es wohl kaum geben. Das Wort Unfall scheint mir hier überhaupt nicht richtig zu sein. Es ist ein Suizid. Eine Selbsttötung. Einen Abschiedsbrief hat es nicht gegeben. Wir wissen gar nichts. Nicht, ob die Staatsanwaltschaft in der Wohnung war, aber sie wird es wohl gewesen sein, und dann wird sie sich wohl auch um das Katervieh gekümmert haben, aber wo ist das, im Tierheim? Vermutlich. K. hat offensichtlich keinerlei Vorkehrungen für den Fall seines Todes getroffen. Mein Anwalt ist zwar auf allen Gebieten in solchen Dingen mit allen Wassern gewaschen, aber solche Fälle kommen da nun auch nicht allzu oft vor.

Wenn irgend jemand einen wirklich heissen Tip hat, bitte immer her damit. Wir sind alle ratlos.

Ich habe zwar selbst schon einmal in einem Zug gesessen, vor dem ein Mensch seinem Leben ein Ende setzte, aber das war etwas anderes.

Mein Bedürfnis, sich über das Thema Schienensuizid auszutauschen, ist unermesslich gross.
Wer auch immer damit einen Erfahrungswert herumschleppt und bereit ist, diesen mit mir zu teilen, möge sich melden. Es ist mir wirklich unendlich wichtig. Ich möchte mich keinesfalls ausheulen, sondern konkrete Fragen loswerden, die ich hier einfach nicht so global stellen kann.

Es reicht mir auch, wenn ich einfach Ansprechpartner oder Stellen genannt bekomme, die mir weiterhelfen können.

Kontaktmail: jacbhv@gmail.com

Danke im voraus.

~ von A_of_D am 8. Januar 2010.

2 Antworten to “Schie.Nen.Sui.Zid”

  1. …oh Mann. Das möcht’ kein Mensch mitmachen.

    Ich habe persönlich keine unmittelbare Erfahrungen mit Selbsttötung. Aber mit dem Tod ansich und der Verarbeitung (meine Oma starb in meinen Armen als ich 26 war. Es war für mich eine schöne Erfahrung und hat mir meine Angst vor dem eigenen Tod genommen. Sie ist so friedlich lächelnd zufrieden eingeschlafen; sie muss etwas Großartiges gesehen haben; und wenn’s nur mein Opa war, der 14 Jahre zuvor gestorben war.

    Was hat K. getrieben?
    Mein Vater ist Pfarrer und hat in seinen Dienstjahren überwiegend als Krankenhausseelsorger gearbeitet und Pflegeschüler/innen psychologisch ausgebildet. Von ihm habe ich in etlichen Gesprächen gelernt (was man überhaupt dazu “lernen” kann), wie ein Mensch tickt, der tatsächlich einen Selbstmord in Betracht zieht. Es ist fast so (auch wenn der Vergleich sicherlich hinkt) wie die Entstehung einer Sucht; z.B. Alkoholismus. Sobald sich der Betreffende so (und immer weiter) in diese Gedanken gesteigert hat und sich dermaßen unnützt auf dieser Welt fühlt (und das kann KEIN Freund oder Angehöriger verhindern), setzt sich diese Idee im Kopf sowas von fest, dass man/frau von dem Wunsch, tatsächlich tot zu sein, besessen ist. Und diese Gedanken lassen Eine/n dann nicht mehr los. Der überwiegende Teil dieser Menschen fühlt sich damit unheilbar; obwohl eine rechtzeitige Therapie in Form von Selbsthilfegruppen oder auch einige Sitzungen bei einem guten Psychologen vielleicht (!) noch hätten helfen können. Aber das muss jeder für sich entscheiden und das auch begreifen; ansonsten greift keine noch so gute Hilfe. Nach draußen hin scheint (fast) alles gut zu sein und IMMER stellen sich die Hinterbliebenen quälende Fragen, was denn besser hätte getan werden können. Ich bin sicher, dass ihr alle euer möglichstes getan habt. Ihr hättet diesen Freitod, so schlimm das auch ist, vermutlich nicht verhindern können.
    Und sicherlich ist K. für Außenstehende unvorbereitet in den freiwilligen Tod gegangen. Das ist aber wohl meist so und hängt einfach mit dieser Besessenheit des Todesgedanken zusammen; der suizidgefährdete Mensch denkt nicht daran, was er den Freunden, dem Lokführer oder dem eigenen Haustier (was vielfach auch einen Partnerersatz darstellt; und dementsprechend gleichwertig geliebt wird) antut. Dieser Mensch will einfach nur noch von seinem Leben befreit sein. Für manche Experten ist das Fehlen eines Abschiedsbriefes ein weiteres Indiz dafür, wie “vernarrt” der Mensch in seinen Wunsch des Freitodes war. Auch die Art & Weise… der Zug ist ein sicheres Hilsmittel, den Suizidversuch “erfolgreich” zu beenden. Andere Menschen nehmen erstmal eine Portion Schlaftabletten (oder schnitzen sich dilettantisch die Pulsadern auf), lassen sich finden und senden damit einen Hilferuf aus…

    Bis hierher liefen mir die Zeilen so aus den Fingern. Jetzt fehlt mir ein unkitschiges Schlusswort… Ich hoffe, meine Gedanken helfen euch ein bisschen.

    Grämt euch nicht. Bei allem Leid wird der liebe Gott gewusst haben, warum er auch diesen Freitod zugelassen hat. Und vielleicht ist es ja tatsächlich so: Da sitzt der K. jetzt neben dem verstorbenen Mann auf der Wolke, die trinken sich ‘n lecker Getränk und sind fröhlich. Das einzige, was sie traurig macht ist, dass ihr so unendlich traurig seid.

    Und jetzt komme ich wieder zu meinen einleitenden und ganz persönlichen Ansichten: Es ist nicht so, dass ich mich auf meinen eigenen Tod “freue”; aber ich habe absolut keine Angst davor, denn ich glaube fest an das Ewige Leben und dass wir uns alle “irgendwie” wiedersehen werden. Und diese Ansicht hat absolut nichts mit dem Beruf meines Vaters zu tun: Ich bin erst mit dem Tod meiner Oma an den Glauben gekommen und eigentlich auch noch erst viel später. Einfach so, ohne weiteren Grund…

    Euch allen Freundinnen und Freunden wünsche ich positiven Lebensmut und dass euch die Behörden keine unnötigen Fallen stellen.
    Macht euch keine Vorwürfe; es war K.’s Entscheidung.

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